Biogasanlage in der deutschen Landwirtschaft – Fermenter, BHKW und Gasleitungen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb

Biogas & Biomasse in der Landwirtschaft

9.605 Anlagen, 29 TWh Strom, 32,3 TWh Wärme – Biogas ist die vielseitigste erneuerbare Energie in der Landwirtschaft. Technik, Wirtschaftlichkeit, Methanisierung und regionale Verteilung im Überblick.

Zusammenfassung

  • 9.315 Biogasanlagen + 290 Biomethananlagen = 9.605 Anlagen in Deutschland (Ende 2025)
  • 29 TWh Stromerzeugung pro Jahr – das versorgt 8,8 Millionen Haushalte
  • 32,3 TWh Wärmeerzeugung, davon 18,7 TWh extern genutzt
  • Installierte Leistung: 6.816 MW (el.) bei 3.316 MW Bemessungsleistung
  • Bio-CNG als Traktorkraftstoff: Geschlossener Kreislauf vom Feld in den Tank – mehr dazu
  • Sektorenkopplung: Strom, Wärme, Mobilität und Gasnetzeinspeisung aus einer Anlage – mehr dazu

Was ist Biogas? Grundlagen, Substrate und Prozess

Biogas entsteht durch die anaerobe Ferm entation – den mikrobiellen Abbau organischer Stoffe unter Ausschluss von Sauerstoff. In landwirtschaftlichen Biogasanlagen werden Energiepflanzen, tierische Exkremente und organische Reststoffe in geschlossenen Behältern (Fermentern) vergärt. Das entstehende Gasgemisch besteht typischerweise aus 50–75 % Methan (CH₄) und 25–50 % Kohlendioxid (CO₂), ergänzt durch Spurengase wie Schwefelwasserstoff (H₂S), Ammoniak (NH₃) und Wasserdampf.

Der Prozess läuft in vier biochemischen Phasen ab:

  1. Hydrolyse: Langkettige Moleküle (Proteine, Fette, Kohlenhydrate) werden durch Enzyme in lösliche Monomere zerlegt.
  2. Acidogenese (Säurebildung): Säurebildende Bakterien wandeln die Monomere in kurzkettige organische Säuren, Alkohole, Wasserstoff und CO₂ um.
  3. Acetogenese (Essigsäurebildung): Acetogene Bakterien bilden aus den Zwischenprodukten Essigsäure, Wasserstoff und CO₂.
  4. Methanogenese: Methanbildende Archaeen erzeugen aus Essigsäure und H₂/CO₂ das gewünschte Methan.

Die Prozesstemperatur liegt typischerweise bei 38–42 °C (mesophiler Betrieb) oder 50–55 °C (thermophiler Betrieb). Die Verweilzeit im Fermenter beträgt je nach Substrat 30–120 Tage. Das Gärprodukt – der Gärrest – wird als hochwertiger Dünger auf landwirtschaftliche Flächen ausgebracht und schließt damit den Nährstoffkreislauf.

Im Unterschied zur Kompostierung, bei der die Energie als Wärme verloren geht, wird beim Biogasprozess die chemische Energie im Methan konserviert und kann später gezielt in Strom, Wärme oder Bio-CNG-Kraftstoff umgewandelt werden.

Biogas in Deutschland: Die Zahlen

Deutschland ist der mit Abstand größte Biogasproduzent Europas. Ende 2025 waren laut Fachverband Biogas e.V. und Fraunhofer IEE insgesamt 9.605 Anlagen in Betrieb:

Kennzahl Wert Bezugsjahr
Biogasanlagen9.315Ende 2025
Biomethananlagen (Aufbereitung)290Ende 2025
Anlagen gesamt9.605Ende 2025
Installierte elektrische Leistung6.816 MW2025
Bemessungsleistung (Flexibilisierung)3.316 MW2025
Stromerzeugung29 TWh/Jahr2025
Versorgte Haushalte (äquivalent)8,8 Mio.2025
Wärmeerzeugung gesamt32,3 TWh2025
Wärmeerzeugung extern genutzt18,7 TWh2025
Biomethanproduktion12,8 TWh2025

Die installierte elektrische Leistung von 6.816 MW ist deutlich höher als die Bemessungsleistung von 3.316 MW. Der Grund: Viele Anlagen haben im Rahmen der EEG-Flexibilisierung in zusätzliche BHKW-Kapazität investiert, um bei hohen Strompreisen mehr einzuspeisen und bei niedrigen Preisen herunterzufahren. Dieses bedarfsgerechte Einspeisen macht Biogas zum idealen Ergänzungspartner für volatile Erzeuger wie Agri-Photovoltaik und Windkraft.

Im Vergleich: Die 29 TWh Biogasstrom entsprechen etwa 5 % der deutschen Bruttostromerzeugung. Biogas ist damit nach Windkraft und Photovoltaik die drittgrößte erneuerbare Stromquelle – und die einzige, die grundlastfähig, speicherbar und flexibel einsetzbar ist.

Regionale Verteilung: Biogasanlagen nach Bundesländern

Die Verteilung der Biogasanlagen in Deutschland spiegelt die landwirtschaftliche Struktur wider: Flächenländer mit intensiver Tierhaltung und Ackerbau führen die Statistik an.

Rang Bundesland Anlagenzahl Installierte Leistung (MW)
1Bayern2.7431.603
2Niedersachsen1.7431.649
3Baden-Württemberg1.014465
4Nordrhein-Westfalen948510
5Schleswig-Holstein759537
6Mecklenburg-Vorpommern535385
7Brandenburg430330
8Thüringen282225
9Sachsen-Anhalt268245
10Sachsen230190

Bemerkenswert: Während Bayern mit 2.743 Anlagen die meisten Standorte hat, führt Niedersachsen mit 1.649 MW bei der installierten Leistung. Dies spiegelt die größere Durchschnittsleistung der niedersächsischen Anlagen wider – hier dominieren große NawaRo-Anlagen (Nachwachsende Rohstoffe), während Bayern viele kleinere Gülle-Biogasanlagen unter 75 kW betreibt.

In Schleswig-Holstein liegt die Biogasdichte mit ca. 48 Anlagen pro 1.000 km² besonders hoch. Die neuen Bundesländer haben trotz großer landwirtschaftlicher Flächen einen geringeren Ausbau – ein Potenzial, das durch aktuelle Förderprogramme gehoben werden soll.

Von Biogas zu Bio-CNG: Der Aufbereitungsprozess

Rohbiogas mit 50–75 % Methan ist für viele Anwendungen nicht direkt nutzbar. Für die Einspeisung ins Erdgasnetz oder die Nutzung als Bio-CNG-Kraftstoff für Landmaschinen muss es zu Biomethan aufbereitet werden. Der Prozess erfolgt in fünf Schritten:

5 Schritte: Vom Rohbiogas zum Bio-CNG

  1. Entschwefelung: Schwefelwasserstoff (H₂S) wird auf unter 5 mg/m³ reduziert. Verfahren: biologische Entschwefelung (Sulfo-Bakterien im Fermenter), Aktivkohlefilter oder chemische Wäsche. Ohne diesen Schritt würde H₂S die nachfolgende Technik korrodieren.
  2. Trocknung: Der Wasserdampf wird durch Kältetrocknung oder Adsorptionstrocknung auf einen Taupunkt unter −20 °C gebracht. Restwasser würde bei der späteren Kompression zu Korrosion und Vereisung führen.
  3. CO₂-Abtrennung (Upgrading): Dies ist der zentrale Schritt. Das CO₂ wird abgetrennt, um den Methangehalt auf über 96 % zu erhöhen. Gängige Verfahren sind: Druckwasserwäsche (DWW), Druckwechseladsorption (PSA), Aminwäsche und Membranverfahren. Jedes Verfahren hat spezifische Vor- und Nachteile hinsichtlich Methanverlust, Energiebedarf und Investitionskosten.
  4. Feinreinigung: Restliche Spurengase (Siloxane, Ammoniak, flüchtige organische Verbindungen) werden durch Aktivkohle-Adsorption entfernt, um die Anforderungen der DIN EN 16723-2 zu erfüllen.
  5. Kompression: Das gereinigte Biomethan wird auf 200–250 bar komprimiert und in Druckgasspeicher gefüllt. Das Ergebnis ist Bio-CNG – chemisch identisch mit fossilem CNG, aber klimaneutral hergestellt. Von hier kann es direkt in CNG-Traktoren wie dem New Holland T7.270 Methane Power getankt werden.

Der Energiebedarf für die Aufbereitung liegt bei 3–6 % des Energiegehalts des Rohbiogases. Bei der Aminwäsche ist der Methanverlust mit unter 0,1 % am geringsten, während PSA-Verfahren Verluste von 1–3 % aufweisen können.

Prozessdiagramm: 5 Schritte vom Rohbiogas zum Bio-CNG-Traktorkraftstoff
Prozessdiagramm: 5 Schritte vom Rohbiogas zum Bio-CNG-Traktorkraftstoff

Kraftstoffqualität nach DIN EN 16723-2

Wer Bio-CNG als Kraftstoff verkaufen oder öffentlich betanken will, muss die Anforderungen der DIN EN 16723-2 (Erdgas als Kraftstoff – Anforderungen und Prüfverfahren) erfüllen. Diese Norm gilt gleichermaßen für fossiles CNG und Bio-CNG:

Parameter Anforderung Einheit
Methangehalt (min.)> 95 Vol.-%Vol.-%
Wobbe-Index46,1–56,5MJ/m³
Relative Dichte0,555–0,700
Gesamtschwefel (max.)≤ 30mg/m³
H₂S-Gehalt (max.)≤ 5mg/m³
CO₂-Gehalt (max.)≤ 2,5Vol.-%
O₂-Gehalt (max.)≤ 1,0Vol.-%
Wassergehalt (Taupunkt max.)−8 °C bei Betriebsdruck°C
Silizium (max.)≤ 0,1mg Si/m³
Ölgehalt (max.)≤ 5mg/m³

Praxisrelevanz: Moderne Biogasaufbereitungsanlagen erreichen routinemäßig Methangehalte von 97–99 %. Der Wobbe-Index ist ein Maß für die Austauschbarkeit von Gasen – Bio-CNG ist damit für jeden CNG-Motor direkt nutzbar, ohne Umrüstung oder Anpassung. Für landwirtschaftliche Betriebe bedeutet das: Eigenes Biogas kann nach Aufbereitung direkt in CNG-Traktoren eingesetzt werden.

Biologische Methanisierung: CO₂ als Rohstoff

Die biologische Methanisierung ist ein Schlüsselverfahren für die Sektorenkopplung. Sie wandelt das bei der Biogasaufbereitung abgetrennte CO₂ zusammen mit grünem Wasserstoff in zusätzliches Methan um:

CO₂ + 4 H₂ → CH₄ + 2 H₂O

Sabatier-Reaktion – Wirkungsgrad: 74–75 %

Bei der biologischen Variante übernehmen methanogene Archaeen die Katalyse bei Temperaturen von 60–65 °C und Normaldruck. Im Vergleich zur katalytischen (thermochemischen) Methanisierung hat die biologische Variante entscheidende Vorteile:

Kriterium Biologische Methanisierung Katalytische Methanisierung
Temperatur60–65 °C250–550 °C
DruckNormaldruck1–100 bar
Wirkungsgrad74–75 %76–80 %
H₂S-ToleranzHochSehr niedrig (Katalysatorgift)
FlexibilitätGut (Lastwechsel in Minuten)Mäßig (therm. Trägheit)
InvestitionskostenNiedrigerHöher
Integration in BiogasanlageDirekt möglich (im Fermenter)Separater Reaktor nötig

Für landwirtschaftliche Betriebe mit bestehender Biogasanlage und Zugang zu grünem Wasserstoff aus Agri-PV und Elektrolyse bietet die biologische Methanisierung eine elegante Möglichkeit, den Methanertrag der Anlage um 40–60 % zu steigern – ohne zusätzliche Substrate. Das CO₂, das sonst als Abfallprodukt entweicht, wird zum wertvollen Rohstoff.

Diese Technologie ist ein Paradebeispiel für Sektorenkopplung: Solarstrom erzeugt Wasserstoff, Wasserstoff plus biogenes CO₂ ergibt synthetisches Methan, das als Bio-CNG in Traktoren genutzt oder als SNG (Synthetic Natural Gas) ins Gasnetz eingespeist wird. Speicherbar wird die Energie über verschiedene Technologien.

Substrate und Erträge: Was die Biogasanlage füttert

Der Gasertrag variiert je nach Substrat erheblich. Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten landwirtschaftlichen Substrate mit ihren typischen Biogaserträgen und dem resultierenden Methanertrag:

Substrat Biogasertrag (m³/t FM) Methangehalt (%) Methanertrag (m³ CH₄/t FM) Verfügbarkeit
Maissilage170–22050–5585–121Anbaupflicht
Grassilage150–19052–5678–106Dauerangebot
Rindergülle20–3555–6511–23Dauerangebot
Schweinegülle20–3560–7012–25Dauerangebot
Hühnertrockenkot80–12058–6546–78Saisonal
Bioabfall (Biotonne)80–12055–6544–78Ganzjährig
Zuckerrübensilage150–18052–5678–101Saisonal
Getreidekorn (GPS)550–68052–55286–374Saisonal
Speisereste100–20058–6558–130Ganzjährig
Landschaftspflegematerial60–12050–5530–66Saisonal

FM = Frischmasse. Werte als Bandbreite, abhängig von Sorte, Erntezeitpunkt und Lagerung. Quelle: KTBL, FNR.

Maissilage dominiert als Substrat wegen ihres hohen Gasertrags pro Tonne und Hektar. Allerdings steht der Maisanbau in der Kritik (Monokultur, Humuszehrung, Nitratbelastung). Der Trend geht zu Substratdiversifizierung: Wildpflanzenmischungen, Zwischenfrüchte und erhöhte Gülleanteile. Die EEG-Novelle 2024 fördert gezielt den Gülleeinsatz mit dem Güllebonus (Gülleanteil ≥ 80 %) – mehr zur Förderlandschaft.

Für eine typische 500-kW-Biogasanlage werden jährlich ca. 12.000–15.000 Tonnen Substrat benötigt. Das entspricht der Ernte von rund 250–300 Hektar Maissilage oder einer äquivalenten Kombination verschiedener Substrate.

Balkendiagramm: Biogasertrag verschiedener Substrate in m3 pro Tonne Frischmasse
Balkendiagramm: Biogasertrag verschiedener Substrate in m3 pro Tonne Frischmasse

Wirtschaftlichkeit einer Biogasanlage

Die Wirtschaftlichkeit einer Biogasanlage hängt von vielen Faktoren ab: Anlagengröße, Substratkosten, EEG-Vergütung, Wärmenutzung und Flexibilitätszuschläge. Hier ein Überblick für eine typische NawaRo-Anlage:

Kostenfaktor 75-kW-Anlage (Gülle) 500-kW-Anlage (NawaRo) Biomethan-Einspeisung
Investitionskosten500.000–800.000 €3,0–4,5 Mio. €5,0–8,0 Mio. €
Spezifische Investition6.700–10.700 €/kW6.000–9.000 €/kW8.000–12.000 €/kW
EEG-Vergütung (Grundvergütung)19,46 ct/kWh12,11 ct/kWh– (Gasverkauf)
Güllebonus (≥ 80 %)+ 1,0 ct/kWh
Flexibilitätsprämie65 €/kW/a65 €/kW/a
Substratkosten/Jahr25.000–40.000 €600.000–900.000 €800.000–1.200.000 €
Wartung & Betrieb/Jahr30.000–50.000 €200.000–350.000 €300.000–500.000 €
Amortisation (typisch)8–12 Jahre10–15 Jahre10–18 Jahre

EEG-Flexibilisierung: Anlagen, die zusätzliche BHKW-Kapazität installieren, erhalten die Flexibilitätsprämie von 65 €/kW installierter Leistung pro Jahr. Ziel ist es, Biogas-Strom genau dann zu produzieren, wenn Solar- und Windstrom knapp sind. Eine 500-kW-Anlage, die auf 1.500 kW Bemessungsleistung aufrüstet, erhält dadurch zusätzlich 97.500 €/Jahr.

Die Substratkosten sind der größte Einzelposten: Maissilage kostet aktuell 35–45 €/t frei Anlage. Betriebe, die eigene Substrate einsetzen, haben einen erheblichen Kostenvorteil. Grün- und Güllebasierte Anlagen profitieren zusätzlich von der Treibhausgasminderungs-Quote (THG-Quote), die bei Biomethan als Kraftstoff erlösstärkend wirkt.

Wärmenutzung als Schlüssel zur Wirtschaftlichkeit

Biogas-BHKW wandeln nur etwa 38–42 % der Energie in Strom um. Die restlichen 55–60 % fallen als Wärme an. Ob eine Biogasanlage wirtschaftlich erfolgreich ist, hängt maßgeblich davon ab, wie gut diese Wärme genutzt wird.

Von den 32,3 TWh Wärmeerzeugung im Jahr 2025 wurden nur 18,7 TWh extern genutzt. Der Rest ging als Eigenbedarf (Fermenterheizung) oder ungenutzt verloren. Die Wärmenutzungsquote liegt damit bei rund 58 % – mit erheblichem Steigerungspotenzial.

Typische Wärmenutzungskonzepte:

  • Trocknung: Holzhackschnitzel, Getreide, Heu, Digestat – spart fossile Trocknungsenergie und schafft Mehrwert
  • Nahwärmenetze: Versorgung umliegender Wohngebäude, öffentlicher Gebäude oder Gewerbe – Erlöse von 3–6 ct/kWh
  • Gewächshäuser: Beheizung landwirtschaftlicher Gewächshäuser und Stallungen
  • Prozesswärme: Industrielle Nutzung (Brauereien, Molkereien, Holzverarbeitung)
  • ORC-Verstromung: Organic-Rankine-Cycle-Anlagen erzeugen aus Abwärme zusätzlichen Strom (5–12 % elektrischer Zusatzertrag)

Der KWK-Bonus im EEG honoriert eine externe Wärmenutzung von mindestens 25 %. Betriebe, die 60 % oder mehr der Wärme sinnvoll nutzen, verbessern ihre Gesamtwirtschaftlichkeit um 15–25 %. Wärmespeicher ermöglichen zusätzlich die Entkopplung von Strom- und Wärmeproduktion – mehr zu Energiespeichern.

Biogas und Sektorenkopplung: Strom, Wärme, Mobilität

Biogas ist das Schweizer Taschenmesser der erneuerbaren Energien – kein anderer Energieträger kann gleichzeitig Strom, Wärme, Kraftstoff und Grundchemikalien liefern. Die Sektorenkopplung hebt diese Vielseitigkeit auf ein neues Niveau:

Biogasanlage als Knotenpunkt der Sektorenkopplung

  • Stromsektor: Flexibles BHKW speist bei Bedarf ein, stabilisiert das Netz und kompensiert Wind/PV-Schwankungen. Ergänzung zu Agri-PV.
  • Wärmesektor: BHKW-Abwärme versorgt Nahwärmenetze, Trocknung und Gewächshäuser – ersetzt fossile Brennstoffe.
  • Mobilität: Aufbereitung zu Bio-CNG für CNG-Traktoren (New Holland T7.270) und LKW. Eigener Kraftstoff vom Hof.
  • Gassektor: Biomethan-Einspeisung ins Erdgasnetz – saisonale Speicherung im bestehenden Gasnetz möglich.
  • Wasserstoffsektor: CO₂ aus der Aufbereitung + grüner Wasserstoff = zusätzliches Methan (biologische Methanisierung).
  • Düngersektor: Gärrest als hochwertiger Dünger schließt den Nährstoffkreislauf.

Ein konkretes Beispiel: Ein Betrieb mit 200 Hektar, Agri-PV auf 30 Hektar und einer 500-kW-Biogasanlage kann:

  • Tagsüber PV-Strom direkt nutzen und Überschüsse per Elektrolyse in Wasserstoff wandeln
  • Abends und nachts das Biogas-BHKW hochfahren und bedarfsgerecht Strom einspeisen
  • Den Wasserstoff mit CO₂ aus der Biogasaufbereitung zu Bio-SNG methanisieren
  • Einen Teil des Biomethans als Bio-CNG für die eigene Traktorflotte nutzen
  • Die BHKW-Abwärme in ein Nahwärmenetz oder zur Trocknung einspeisen
  • Den Gärrest als Dünger auf die eigenen Flächen ausbringen

Dieser Betrieb ist energieautark, reduziert seine CO₂-Emissionen um über 90 % und generiert zusätzliche Erlöse aus Strom, Wärme, Kraftstoff und THG-Quoten. Die regulatorischen Rahmenbedingungen fördern genau diese Kopplung.

Herausforderungen und Zukunftsperspektiven

Trotz der beeindruckenden Zahlen steht die Biogasbranche vor Herausforderungen:

  • EEG-Auslauf: Rund 4.000 Anlagen verlieren bis 2030 ihre 20-jährige EEG-Vergütung. Für diese Anlagen muss ein wirtschaftlicher Anschlussbetrieb gesichert werden – etwa über Biomethan-Einspeisung oder Bio-CNG-Produktion.
  • Substratkonkurrenz: Nahrungsmittel- vs. Energieproduktion (Tank-vs.-Teller-Debatte). Lösung: Mehr Reststoffe, Gülle, Zwischenfrüchte und Landschaftspflegematerial statt Mais.
  • Fachkräftemangel: Biogasanlagen erfordern qualifiziertes Bedienpersonal. Automatisierung und Digitalisierung können den Bedarf senken.
  • Genehmigungsverfahren: Langwierige Genehmigungen nach BImSchG bremsen den Neubau und die Modernisierung.

Zukunftsperspektiven:

  • Die Nationale Biomassestrategie der Bundesregierung sieht Biogas als Schlüsseltechnologie für die Energiewende in der Landwirtschaft.
  • Power-to-Gas mit biologischer Methanisierung eröffnet ein völlig neues Geschäftsmodell für bestehende Anlagen.
  • Die steigende THG-Quote macht Biomethan als Kraftstoff zunehmend attraktiv – insbesondere für den Schwerlastverkehr und die Landwirtschaft.
  • Kleine Gülleanlagen unter 75 kW werden durch vereinfachte Genehmigungen und den Güllebonus gefördert – ideal für Tierhaltungsbetriebe.

Fazit

Biogas ist weit mehr als Stromerzeugung aus Mais. Mit 9.605 Anlagen, 29 TWh Strom und 32,3 TWh Wärme ist es eine tragende Säule der erneuerbaren Energien in Deutschland – und für die Landwirtschaft die vielseitigste Option zur Dekarbonisierung.

Die Zukunft liegt in der Sektorenkopplung: Biogas, das nicht nur Strom und Wärme liefert, sondern über Bio-CNG auch den Diesel in Traktoren ersetzt, CO₂ als Rohstoff für Wasserstoff-basierte Methanisierung nutzt und den Gärrest als Dünger zurück auf die Felder bringt. Kein anderer Energieträger verbindet so viele Sektoren.

Für landwirtschaftliche Betriebe lohnt sich die Investition besonders dann, wenn eigene Substrate verfügbar sind, die Wärme sinnvoll genutzt wird und die Anlage flexibel betrieben werden kann. Wer zusätzlich Agri-PV betreibt und in Energiespeicher investiert, baut einen landwirtschaftlichen Energiekreislauf auf, der wirtschaftlich robust und klimapolitisch vorbildlich ist.

Weiterführende Artikel auf AGRAR.ENERGY

Quellen & Referenzen

  • Fachverband Biogas e.V.: Branchenzahlen 2025 – Biogasanlagen in Deutschland
  • Fraunhofer IEE: Installierte Leistung und Stromerzeugung aus Biogas (2025)
  • DBFZ (Deutsches Biomasseforschungszentrum): Stromerzeugung aus Biomasse – Zwischenbericht (2025)
  • KTBL (Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft): Faustzahlen Biogas, 4. Auflage
  • FNR (Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe): Biogassubstrate und Gaserträge
  • DIN EN 16723-2: Erdgas als Kraftstoff – Anforderungen und Prüfverfahren
  • Nationale Biomassestrategie der Bundesregierung (2024)
  • EEG 2024: Erneuerbare-Energien-Gesetz – Abschnitt Biogas
  • Fraunhofer IWES: Biologische Methanisierung – Verfahrensvergleich und Wirkungsgrade
  • AGRITECHNICA 2025: CNG-Traktoren und alternative Antriebe