Photovoltaik-Module über Weideland erfüllen eine doppelte Funktion: Sie erzeugen Strom und bieten Weidetieren natürlichen Schutz vor Sonne, Regen und Wind. Agri-PV in der Tierhaltung verbindet Energiewende mit verbessertem Tierwohl — und erschließt Landwirten zusätzliche Einnahmequellen auf derselben Fläche.

Welche Tiere profitieren von Agri-PV?

Nicht jede Tierart stellt die gleichen Anforderungen an ein Agri-PV-System. Aufständerungshöhe, Modulabstand und Zaunführung müssen auf die jeweilige Spezies abgestimmt werden.

TierartMin. AufständerungEignungBesonderheiten
Schafe0,8–1,2 mSehr gutIdeal für Grünpflege unter Modulen, geringe Verletzungsgefahr, bewährte Praxis in Deutschland
Rinder≥4,0 m (hochaufgeständert)GutBenötigen ausreichend Kopffreiheit, robuste Unterkonstruktion gegen Scheuerschäden
Geflügel1,5–2,5 mSehr gutModule simulieren Baumkronendeckung, reduzieren Greifvogel-Stress in Freilandhaltung
Pferde≥4,5 mBedingtScheue Tiere — Gewöhnungsphase nötig, Blendungsfreiheit sicherstellen
Ziegen1,5–2,0 mEingeschränktKletterverhalten — Module und Kabel müssen verbisssicher montiert sein

„Schafe unter Solarmodulen sind die häufigste Kombination in der Praxis. Sie halten das Gras kurz und verursachen keine Schäden an der Unterkonstruktion.“

Systemdesign: Hochaufgeständert vs. Vertikal

Für Weideland kommen zwei grundsätzliche Agri-PV-Bauformen in Frage. Die Wahl hängt von Tierart, Flächengröße und Investitionsbudget ab.

Hochaufgeständerte Systeme

  • Aufständerung: 4–6 Meter lichte Höhe — Durchfahrt mit Landmaschinen und Nutzung durch Rinder/Pferde möglich
  • Modulneigung: Fest oder einachsig nachgeführt (Tracker)
  • Flächenverlust: Nur 10–15 % durch Stützen, restliche Fläche voll beweidbar
  • Investition: Höher durch Stahlkonstruktion und Fundamentierung
  • Vorteil: Volle landwirtschaftliche Nutzung unter den Modulen bleibt erhalten

Vertikale bifaziale Systeme

  • Modulstellung: Senkrecht in Ost-West-Ausrichtung, beidseitige Stromernte
  • Reihenabstand: 8–12 Meter — genügend Platz für Beweidung zwischen den Reihen
  • Flächenverlust: Nur 5–8 % (schmale Modulreihen)
  • Investition: Geringer als hochaufgeständert, einfachere Montage
  • Vorteil: Ertragsspitzen morgens und abends statt mittags — bessere Netzintegration
KriteriumHochaufgeständertVertikal bifazial
Geeignet fürRinder, Pferde, große HerdenSchafe, Geflügel, kleinere Weiden
Bodennutzungsgrad85–90 %92–95 %
Spezifische Kosten (€/kWp)900–1.400600–900
MaschinendurchfahrtJa (ab 4 m Höhe)Zwischen den Reihen
SchattenspendeGanzflächig, gleichmäßigWandernder Streifenschatten

Vorteile für die Tiere: Schatten, Windschutz und weniger Hitzestress

Die positiven Effekte von Agri-PV auf das Tierwohl sind inzwischen durch mehrere Studien belegt:

  • Hitzestress-Reduktion: Unter PV-Modulen ist die Temperatur an heißen Tagen 3–6 °C niedriger als auf offener Weide. Rinder reduzieren bei Hitzestress die Futteraufnahme um bis zu 25 % — Schatten kann diesen Verlust signifikant mindern.
  • Windschutz: Besonders vertikale Systeme wirken als Windbrecher und reduzieren die Windgeschwindigkeit auf der Weide um 30–50 %. Das senkt den Energiebedarf der Tiere bei Kälte.
  • Regenschutz: Hochaufgeständerte Module bieten natürlichen Unterstand. Viele Tiere nutzen die Module instinktiv als Regenunterstand.
  • UV-Schutz: Bei Geflügel in Freilandhaltung verringern Module das Risiko von Sonnenbrand (besonders bei weißgefiederten Rassen).
  • Greifvogelschutz: Geflügel in Freiland-Agri-PV-Anlagen zeigt weniger Stress durch Greifvögel, da die Module als „Kronendach“ wirken.

Auswirkungen auf den Grasertrag

Entgegen der Erwartung führt die Teilverschattung durch Agri-PV nicht zwangsläufig zu Ertragseinbußen. Mehrere Studien zeigen differenzierte Ergebnisse:

Ergebnisse aus der Forschung

  • Moderate Verschattung (20–30 %): Kaum messbare Ertragsminderung bei Grünland. Gräser kompensieren durch verstärktes Längenwachstum.
  • Trockenjahre: Unter PV-Modulen bis zu 20 % höherer Grasertrag als auf offener Fläche. Grund: Geringere Evapotranspiration durch Verschattung, Boden bleibt länger feucht.
  • Starke Verschattung (>50 %): Ab ca. 50 % Verschattung sinkt der Grasertrag signifikant. Systemdesign muss lichtdurchlässig sein.
  • Artenzusammensetzung: Unter PV-Modulen verschiebt sich die Grasnarbe zu schattentoleranten Arten. Die Futterqualität kann sogar steigen (höherer Proteingehalt bei bestimmten Gräsern).

„Studien des Fraunhofer ISE zeigen: Bei 30 % Verschattung und optimiertem Reihenabstand liegt der Grasertrag auf Vorjahresniveau — in Trockenjahren sogar darüber.“

Wirtschaftlichkeit: Doppelförderung durch GAP und EEG

Agri-PV auf Weideland ermöglicht eine bisher einzigartige Doppelnutzung mit zwei Einkommensströmen auf derselben Fläche:

Einnahmen aus Stromerzeugung

  • EEG-Vergütung: Agri-PV-Anlagen erhalten seit dem EEG 2023 eine erhöhte Einspeisevergütung (Zuschlag für besondere Solaranlagen gemäß §48a EEG)
  • Innovationsausschreibung: Zusätzlicher Bonus bei Teilnahme an Innovationsausschreibungen der Bundesnetzagentur
  • Eigenverbrauch: Strom für Melkroboter, Kühlung, Weidezäune und Tränkeanlagen direkt vom Dach bzw. der Weide

Einnahmen aus Landwirtschaft

  • GAP-Direktzahlungen: Flächen unter Agri-PV bleiben prämienfähig, wenn die landwirtschaftliche Nutzung nachweislich fortgeführt wird (mind. 85 % des Referenzertrags gemäß DIN SPEC 91434)
  • Öko-Regelungen: Zusätzliche Öko-Prämien bei extensiver Beweidung unter Agri-PV möglich
  • Pachteinnahmen: Verpachtung der Moduldachfläche an Energieversorger bei gleichzeitiger Weiternutzung als Weide
EinnahmepositionBetrag (€/ha/Jahr)Quelle
GAP-Direktzahlungen250–350EU-Agrarsubventionen
Öko-Regelungen (ggf.)50–150Extensivbeweidung
Pacht/Strom aus Agri-PV2.000–4.000EEG-Vergütung / Pachtvertrag
Summe Doppelnutzung2.300–4.500
Vergleich: reine Weide300–500Nur GAP + Tierertrag

Genehmigung und Auflagen

Die Errichtung von Agri-PV auf Weideland unterliegt mehreren Rechtsgebieten. Eine frühzeitige Abstimmung mit den zuständigen Behörden ist essenziell.

Baurecht

  • Privilegierung nach §35 BauGB: Agri-PV-Anlagen können im Außenbereich privilegiert sein, wenn die landwirtschaftliche Nutzung überwiegt
  • Bebauungsplan: Häufig wird ein vorhabenbezogener Bebauungsplan (B-Plan) verlangt
  • Flächennutzungsplan: Änderung ggf. erforderlich, Voranfrage empfohlen

Tierschutz-Auflagen

  • Verletzungsschutz: Keine scharfen Kanten, Erdungsleitungen außerhalb der Reichweite von Tieren
  • Fluchtmöglichkeiten: Tiere dürfen nicht in Sackgassen zwischen Modulreihen geraten
  • Tränkesystem: Ausreichend Wasserversorgung auch im verschatteten Bereich
  • Tierarzt-Zugang: Module müssen jederzeit Zugang für tierärztliche Versorgung ermöglichen

Abstandsregeln und DIN SPEC 91434

  • DIN SPEC 91434: Definiert Kategorien (Kategorie I: hochaufgeständert, Kategorie II: vertikal) und Mindestanforderungen
  • Mindest-Bodennutzungsgrad: 85 % der Referenzfläche müssen landwirtschaftlich nutzbar bleiben
  • Abstand zu Wohngebäuden: Je nach Landesgesetzgebung 50–200 m
  • Naturschutz: Prüfung von Biotop- und Artenschutzbelangen (insb. Bodenbrüter)

Praxisbeispiele aus Deutschland und Europa

Deutschland

  • Heggelbach (Baden-Württemberg): Pilotanlage des Fraunhofer ISE seit 2016 — wissenschaftliche Langzeitdaten zur Kombination Ackerbau und PV, Erkenntnisse auf Grünland übertragbar
  • Donaueschingen-Aasen: Vertikale Agri-PV mit Schafbeweidung, 4,1 MWp Leistung. Schafe halten die Grasnarbe kurz und ersetzen mechanische Mäharbeiten.
  • Lüchow (Niedersachsen): Hochaufgeständerte Anlage mit Rinderbeweidung — 5 m lichte Höhe, Maschinenbefahrbarkeit gegeben

Europa

  • Frankreich: Sun’Agri betreibt über 50 Pilotanlagen, darunter mehrere mit Weidenutzung in Südfrankreich
  • Niederlande: Geflügel-Freilandhaltung unter Agri-PV-Modulen als Greifvogelschutz — staatlich gefördert
  • Österreich: Vertikale bifaziale Anlagen auf Almweiden in der Steiermark, kombiniert mit Mutterkuhhaltung

Fazit

Agri-PV und Tierhaltung sind eine natürliche Kombination: Die Module bieten Wetter- und Hitzeschutz für die Tiere, der Grasertrag bleibt bei durchdachtem Systemdesign stabil oder steigt sogar in Trockenjahren. Die wirtschaftliche Attraktivität der Doppelnutzung — GAP-Direktzahlungen plus EEG-Vergütung — macht Agri-PV auf Weideland zu einem der renditeträchtigsten Modelle der Agri-Photovoltaik.

Entscheidend für den Erfolg sind die Wahl des richtigen Systems (hochaufgeständert für Großtiere, vertikal für Schafe und Geflügel), die frühzeitige Klärung von Genehmigungen und die Einhaltung der DIN SPEC 91434.

Quellen

  • Fraunhofer ISE: Agri-Photovoltaik — Chance für Landwirtschaft und Energiewende, 2024
  • DIN SPEC 91434: Agri-Photovoltaik-Anlagen — Anforderungen an die landwirtschaftliche Hauptnutzung, 2021
  • EEG 2023, §48a: Besondere Solaranlagen (Agri-PV)
  • Universität Hohenheim: Auswirkungen von Agri-PV auf Grünlanderträge, 2023
  • Sun’Agri: Agrivoltaics Research Report, 2024